Rügen. (ostSeh) Das Suchergebnis eines fiktiven Gastes via Google sah früher so aus. Denn offiziell ist
Rügen ja
Sperrbezirk. Und das ist gut so! In einer Verordnung von 1992 sind gewerbliche Angebote von Sexdienstleistungen auf Deutschlands größter Insel verboten. Sollte doch so das in Folge auftretende „Klientel“ wie Frauenhandel, Schutzgeld, Erpressung etc. verhindert oder zumindest in Stralsund und Nordvorpommern gehalten werden. Es genügt ja auch, wenn „Schneemänner“ und andere an bekannten Orten der Insel alles was high macht, erhalten. Und Rostock als negatives Beispiel steht ja allen vor Augen.
Doch seit dem illegalen Bordell auf dem Gelände von ehemals Rügen-Radio oder Rügen-TV in Hoch Seelow bei Nipmerow, vor der Plünderung des Gebäudes, gibt es weitere Versuche. Kenner der Szene hatten sich damals im Zusammenhang mit dem dubios finanzierten Fernsehversuch eines Egon Stoffers gefragt, warum die Studios mit diesen großen Glasscheiben ausgestattet waren, die so sehr an die Hafenviertel von Amsterdam erinnerten. Genau diese Funktion nahmen sie nach Ende des Fernsehbetriebes ein knappes halbes Jahr lang ein, bis der Betreiber damals spurlos aus seiner Immobilie verschwand und gleich darauf die Frauen auch. Während die Postbotin sofort wusste, was da polnisch und russisch lief, gab sich die Kriminalpolizei in Sassnitz damals überrascht und ahnungslos. Heute steht die Immobilie leer und ist geplündert.
Einige Jahre später
Noch immer ist
Rügen offiziell Sperrbezirk, doch die allgemeine Erwerbslage hat mit Sicherheit auch auf der Seite des Horizontalen- und/oder Begleitgewerbes die Kreativität wachsen lassen. Zumindest Privatanzeigen sprechen eine deutliche Sprache und Hotels wissen an der Rezeption einschlägige „Nummern“ zu vermitteln. Natürlich nicht offiziell oder gar mit Bestätigung. (Wir verzichten hier bewusst auf die Beleglinks)
Suchergebnisse heute präziser –
Rügen kein unbeflecktes Eiland
Vanessa Eden Escort Kiel, Sylt, Amrum, Föhr – Begleitservice Rügen, Kiel Anzeigenid: 99-4998992 - Datum: 10.04.2009 12:57:17
Plz: 18528 - Ort: Bergen auf Rügen
Rubrik: Dienstleistungen Preis: Kein Preis angegeben
Keine Homepage angegeben
Hier weitere, meist anonymisierte Kontakte, die derzeit offiziell allerdings nicht auf
Rügen verweisen.
www.rotlicht-mv.deDer
Eskort-Service von laut Impressum Stefan M. aus
Bergen bietet allerdings seit einem halben Jahr Fahrten für 600 Euro die Stunde und einer Dame in der Stretch-Limousine oder Herrenrunden bis zu 15 Personen und „gehobener Qualität“ mit „Damen und Zigarren“ auf der Stralsunder Motoryacht Lady Galadriel. Ab Lauterbach. Dabei sind das Boot ebenso wie die Limousine anonymisiert auf den Webseiten fotografiert und auch die Damen zeigen zwar nicht ihr Gesicht, lassen aber teilweise Rückschlüsse über die Fotografenausstattung eines Putbusser Newcomers mit Neigung zu
Erotikfotos und einer Bergener Fotografin zu. Hier sind Damen „für Ihn“ oder „Sie“ und Herren für „Sie“ oder „Ihn“ regional einzuordnen. Sexuelle Dienstleistungen sind jedoch nach seinen AGBs ausgeschlossen.
Eine Anfrage von ostSeh.de ließ der Inhaber leider unbeantwortet.
http://de.gigajob.com/job/DE-18528/Bergen__R%C3%BCgen/Prostituierte__r.htmlDennoch wird in
Bergen Escort-Service offen unter dem Weblabel „
Prostitution" angeboten.
Das auf dem Foto gezeigte Fahrzeug der Marke Chrysler war übrigens bis vor kurzem vor einem garantiert rügenfreien Hintergrund anonymisiert und stammt – bei Vergrößerung sichtbar - aus Espelkamp.
Der Espelkamper Unternehmer Sven Pollert ist bei Nachfrage entsetzt und dementiert jeden Zusammenhang. „Wir lehnen solche Geschäfte konsequent ab, weil das unsere wichtigen Hochzeitsgäste vergrault. Die wollen bei einem solchen Ruf nicht mehr mit der selben Stretch-Limuosine fahren“, sagt Pollert deutlich. Jemand müsse sein Fahrzeug einfach im Internet kopiert haben und das so ungeschickt, dass tatsächlich seine Werbekleber auf den Scheiben sichtbar sind. Logisch auch seine Angabe, dass es unwirtschaftlich sei, Strecken über 200 Kilometer mit einem solchen Fahrzeug zu fahren. Einen Tag später ist das Bild auf den Seiten des
Escort-Service nach einer Abmahnung Pollerts übrigens tatsächlich neutralsisiert.
http://viewmorepics.myspace.com/index.cfm?fuseaction=user.viewAlbums&friendID=247744991Rudolf W. Markl, Inhaber des einzigen
Rügener Limousine-Service in Binz dementiert ebenfalls. „Das ist zwar ein Chrysler auf dem Foto, doch wir sind das definitiv nicht“, sagt er. Er möchte das moralisch oder inhaltlich jedoch nicht bewerten. Allerdings ist ihm auch wichtig zu erwähnen, dass bei gewerblichen Fahrten jedwelcher Art ein Personenbeförderungsschein und diverse Zulassungen für das Fahrzeug notwendig seien. Gäste müssten also Profis verlangen. „Sonst besteht keine Haftung und keine Versicherung.“ Wer aber stellt die Limousine? Pfeiffen die Rügener Spatzen falsches von den Dächern?
Die von Markl eigenhändig programmierten Internetseiten seines Limousine-Service sprechen zumindest eine zweideutige Sprache. Die sogenannten „Tags“ , im Hintergrund eingebaute Suchworte, weisen Begriffe wie „Liebe“ und „
Sex“ zusammen mit seinen Limousinen auf.
http://web2.cylex.de/firma-homepage/http%3A//www.rudolf-markl.de-2631826.htmlwww.websitewiki.de/Ostseelimo.deFolgende Passage im Angebot eines weiteren Anbieters, des Ostsee-Limousine-Service, lockt zu weiteren Recherchen:
(zitat) „
Darüber hinaus ist der Chauffeur oder die Chauffeurin vom Stretchlimousinen Anbieter in gewisser Hinsicht auch als Concierge tätig und übernimmt Reservierungen und Buchungen. Neben diesen Punkten ist eine absolute Diskretion über das was in der Luxuslimousine, im Büro, im Haus und so weiter gesehen und gesprochen wird gegeben.“ (zitat ende).
„Ihr Verdacht besteht zu Unrecht“, sagt Melanie Balter, eine weitere Inhaberin, die mit einer Limousine der Marke Lincoln arbeitet. Sie betreibt mehrere Portale zu Stretch-Limousinen und hält nach ihren Angaben viel von Seriosität: „Jemanden mal wo hinfahren wie die Gastronomen, die eben 5000 Euro im Spielcasino gewonnen haben, ist etwas anderes, als das Auto zur Verfügung zu stellen. Ersteres halte ich persönlich für vertretbar, mehr aber nicht. Andere Kunden weigern sich bei entsprechendem Ruf dann auch, eine solche Limousine zu benutzen.“
www.ostseelimousine.deDas könnte ein klarer Grund für die Geheimniskrämerei rund um diesen Service sein.
Zeit für die Probe aufs Exempel. Eine Dame bestellt für den 30. Januar das Angebot für eine Limousine beim
Escort-Service Rügen. „Für einen Junggesellenabschied“, wie sie sagt. Und ob vielleicht sowas wie eine Stripperin...“. „Sicher geht das“, wurde ihr die Auskunft erteilt, es gehe jedoch auch noch mehr..“, war eine vielsagende Andeutung. Sie bekam die Kurve mit der Ansage, dass schließlich ihr zukünftiger Mann dabei sei. Und siehe da, bei einer Antwort per Mail vom 7. Januar mit Angebot an die Kundin in Grimmen (der Redaktion bekannt), wird die Fahrt mit einer Flasche Moet Chandon und allen Kilometern frei angeboten. Für eine Stunde. Hinzu kommen zum vermeintlichen Endpreis von 600 Euro übrigens noch 114.- Euro Umsatzsteuer, obwohl es um Endverbraucher geht, die Endpreise als Angebot verlangen dürfen. Über andere Kanäle ließ sich so übrigens auch anhand des Datums nachvollziehen, dass das Fahrzeug in diesem Fall aus Celle kommen sollte. Nicht aus Rostock, wie am Telefon von einem Sven S. angegeben.
Sven S., ein neuer Name im Spiel, sei mit seinem smd-Service der Polizei einschlägig bekannt und ein früherer Partner des Betreibers unseres Escort-Services. Sagt die Stralsunder Kripo. Dennoch bedient der „frühere Partner“ noch heute das selbe Telefon.
Christian Mannow, Kriminalpolizei Stralsund (FKII), kennt die Problematik und bedauert den Sachstand. „Wir sehen das als Ordnungswidrigkeit an, für die das Ordnungsamt in Stralsund oder Bergen zuständig wäre. In Stralsund jedoch gehen die Ordnungsbehörden gegen das deutlich umfangreichere
Rotlichmillieu nicht vor. Da bleiben uns auch nur Kontrollen, da wir nur bei Straftaten eingreifen können.“
So stellt sich das auch auf
Rügen dar. Zumindest merkwürdig findet der Autor, denkt man an die Verhältnisse, die sich in Rostock aus dem Millieu ergeben haben. Brauchen wir das in unserer Tourismusregion?
Günther Schäl vom Rügener Ordnungsamt des Landkreises verweist einmal mehr auf die Landesverordnung zum Gebot von Prostitution von 1992. „Daran hat sich nichts geändert.
Rügen hat keine Kommune über 15 000 Einwohner und die Sache ist damit erledigt. Es gab im letzten halben Jahr mal eine Aktivität in Bergen, die sich jedoch anhand der Sperrgebietsverordnung schnell erledigt hatte.“ Zudem sei nicht der Landkreis sondern die einzelne kommunale Behörde zuständig, ist die Rechtsauffassung im Landkreis. „Von den Gemeinden, speziell Bergen liegt aber nichts vor.“ Schäl sieht auch keine konkrete Rechtsverletzung darin, dass sich auf den
Escort-Seiten sowohl anonyme als auch identifizierbare Frauen gewerblich anbieten, der Service selbst auch Preisangebote zumindest für das Drumherum macht. „So lange das privat und nicht gewerblich ist, haben wir da keine Handhabe“, so der Ordnungsamtsleiter. Stellt sich die Frage, was privat bleibt und was gewerblich ist. Die Escort-Seiten jedenfalls arbeiten mit einer offiziellen Steuernummer des Finanzamtes Bergen.
Auch Steffen Ulrich, Ordnungsamtsleiter in Bergen, sieht im Angebot des
Escort-Service nichts, was ein Einschreiten von Amts wegen notwendig macht:
„Ich habe mir die Seite
www.escort-ruegen.de angesehen. Meiner Auffassung nach wird dort nicht direkt
Prostitution angeboten. Wie auf der Startseite schon angegeben, handelt es sich um einen
Begleitservice. Es wird also nicht öffentlich und direkt von Prostitution gesprochen oder diese angeboten. Auch die von Ihnen benannte Fahrt in der Limousine oder auf dem Boot lassen noch keinen Schluss auf Prostitution zu.“ Erneut die Landesverordnung....
Aha!!
Da haben die dort ausgestellten Damen und Herren für „Sie“, „Ihn“ und auch für Transsexuelle nur so zum einfachen Begleiten so knappe Dingerchen an? Und weil man die Frage, „Intimrasur ja oder nein“, damit noch immer nicht beantwortet findet, beantworten sie dieses Detail für ihre „einfache Begleitung“ gleich noch ungefragt mit. Ebenso, wie ihre sexuelle Neigung.
Niemand muss also mehr überrascht sein, wenn wir mal zusammen ins Kino gehen und ich Sie frage, „ob Sie eigentlich eine Intimrasur haben.“ Das ist völlig belanglos, auch wenn wir uns wildfremd sind ..
Prostitution auf Rügen? Findet im Prinzip also nicht statt, sagen die Behörden im Sinne Radio Eriwans.
© ostSeh/Andreas Küstermann
Bonmot am Rande: Der Inhaber des Escort-Service bietet auch Weihnachtsmänner als Dienstleistungen für Kinder nahe den Escort-Seiten an. Was schon empörte Eltern auf den Plan gerufen hat.
Noch besser aber: sein Versuch, sich 2009 bei der lokalen Tageszeitung und dem Verein "Rügen tut gut" für einen Preis um familienfreundliche Arbeitsbedingungen zu bewerben. Das konnte kurz vor der Preisvergabe nur durch die Notbremse der Jury und Geldgeber wie der Sparkasse gestoppt werden. Eine Berichterstattung dazu und zu den wahren Tätigkeiten schlugen sich bis heute in der Lokalausgabe unserer Familien-Tageszeitung nicht nieder.
Infokasten Verbot der ProstitutionB 450-16-1
Landesverordnung über das Verbot der Prostitution
Vom 30. Juni 1992
Fundstelle: GVOBl. M-V 1992, S. 384
Aufgrund von Artikel 297 Abs. 1 und 2 des Einführungsgesetzes zum Strafgesetzbuch (EGStGB) vom 2. März 1974 (BGBl. I S. 469), zuletzt geändert durch Anlage I Kapitel III Sachgebiet C Abschnitt II Nr. 1 des Einigungsvertrages vom 31. August 1990 (BGBl. II S. 889) in Verbindung mit dem Gesetz vom 23. September 1990 (BGBl. II S. 885), verordnet die Landesregierung:
§ 1
Zum Schutz der Jugend und des öffentlichen Anstandes wird für das gesamte Gebiet von Gemeinden mit bis zu 15.000 Einwohnern verboten, der Prostitution nachzugehen.
§ 2
Die der Landesregierung erteilte Ermächtigung zum Erlaß von Rechtsvorschriften nach Artikel 297 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EGStGB für Gemeinden mit mehr als 15.000 Einwohnern und nach Artikel 297 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und 3 EGStGB wird auf den Innenminister übertragen.
§ 3
Diese Verordnung tritt am Tage nach ihrer Verkündung in Kraft.
Schwerin, den 30. Juni 1992
Der Ministerpräsident Dr. Berndt Seite, der Innenminister Lothar Kupfer
© 2010 ostSeh / ANDREAS KÜSTERMANN