Mittwoch, 1. September 2010

Rügen: Denk-MAL-Prora e.V. stellt Arbeit ein  

Einer jener endlosen Gänge des Gebäudes in Prora mit Zimmerfluchten.
Stefan Wolter mit seinem Buch "Der Prinz von Prora" vor dem Block fünf außen
Fotos (3) ostSeh/Küstermann 

Der überwiegend aus Zeitzeugen bestehende Denk-MAL-Prora e.V., darunter ehemalige DDR-Oppositionelle und Opfer des SED-Regimes, wird zum 3. Oktober 2010 aufgelöst. Dies sagt der Initiator und Gründer Stefan Wolter. Der Beschluss fiel auf Antrag des Vorstandes am Samstag dem 28. August 2010 in Berlin. Indirekt erzwungen hat diesen Schritt die in Bezug auf Prora laut Wolter fragwürdige, selektive und unglaubwürdige Erinnerungskultur in Mecklenburg-Vorpommern.

Berlin/Prora (ostSeh) Etabliert hatte sich der gemeinnützig anerkannte Denk-MAL-Prora e.V. am 3. Oktober 2008. Grund war die Ignoranz der DDR-Geschichte, insbesondere die der Bausoldaten (Waffenverweigerer),  im Gelände von Block V, der künftigen Jugendherberge. 2009 leistete der aus 30 Mitgliedern bestehende Verein die alleinige Bildungsarbeit zur DDR-Geschichte auf dem Gelände des Jugendzeltplatzes Prora in Form von Informationsbroschüren und einer Ausstellung, er ließ einen Wachturm in Mukran unter Denkmalschutz stellen, bewahrte einen ehemaligen Gemeinschaftsraum vor der Zerstörung, weckte Sensibilität für die Arrestzellen der Bausoldaten in der heutigen Rezeption, präsentierte im ehemaligen Versorger Mukran (heute Gaststätte Altsaalfelder) die Dauerausstellung „Briefe von der waffenlosen Front“, entwickelte Bildungsbausteine für Workshops im Rahmen einer geplanten Zusammenarbeit mit dem DJH und sammelte Zeitzeugenberichte über alle Einheiten hinweg - sowie über den ebenfalls nach wie vor tabuisierten Hafenbau in Mukran.
(Anm. d. Red.) Eine Auseinandersetzung mit der Hafengeschichte würde auch das heutige Selbstverständnis des Hafens auf Rügen angreifen und ist daher unerwünscht. Entscheidungsträger gehörten auch damals zur politischen Elite.

Ausgehend vom Jugendevent „Prora 03“ wird Block V als KdF-Gelände vermarktet, während die reale Geschichte seit 1939 einen völlig anderen Verlauf genommen hat (vgl. die Entwicklung des KdF-Wagens zum VW). Selbst die Megalomanie der Anlage ist kein Ausdruck spezifischer NS-Architektur, wie andere Bauprojekte der Moderne (Anm. d. Red.) aus dieser Zeit zeigen. Mit Ausnahme des Baukörpers erhielt die Anlage ihr heutiges Antlitz in den Jahren des SED-Regimes als Kaserne.
In Verkennung des doppelten Denkmalwertes des Blocks V (heimliche Aufrüstung der Kasernierten Volks-Polizei, einziges Fallschirmjägerregiment der DDR, Regimeeliten und -gegner) hat man diesen Ort radikal entkernt und mutwillig dem Verfall preisgegeben. Jetzt wird mit Millionen Steuergeldern die Jugendherberge Prora errichtet. Unter Einbeziehung der geplanten KdF-Strukturen und unter kompletter Zerstörung letzter baulicher Nutzungsmerkmale aus der DDR-Zeit, die auf Antrag des Vereins zum Teil als denkmalwürdig und denkmalfähig anerkannt waren.

Ein ehemaliger Gemeinschaftsraum mit einer von einem Bausoldaten an die Wand gemalten Rügenkarte mit versteckten Botschaften (Ichthys-Symbol etc.) blieb durch die Besetzung des Vereinsgründers (2007) erhalten. Seither kämpften die Betroffenen um einen Ort der Bildung zur realen Geschichte an diesem Platz und baten vergeblich um einen runden Tisch. Statt  Zeitzeugen in die Gespräche einzubeziehen wurden sie als Konkurrenten von  vor Ort Aktiven um Susanna Misgajski und Dr. Rainer Stommer mit ihrer Zweckgründung eines sogenannten Prora-Zentrums ausgegrenzt und ein Bildungszentrum für diesen Ort ausgeschrieben - unter abermaliger Missachtung der realen Geschichte und unter Federführung jener, die bis zum Anfang des Jahres mit im Prora-Zentrum e.V. saßen. (Anm. d. Red.) Ein Name übrigens, der auch als direkter Affront gegen die langjährige Arbeit einer Stiftung neuer Kultur und dem von ihr betriebenen Dokumentationszentrums Prora um Dr. Jürgen Rostock.   Erhalten hat der Verein den Bildungsauftrag im Juni 2010 übrigens auch. An dessen Spitze - eine weitere Merkwürdigkeit - Rügens Landrätin Kerstin Kassner (DIE LINKE). Die Entscheidung dafür wurde in Schwerin mit einem zur Hälfte besetzten Kuratorium an einem Tag durchgepeitscht. Denk-MAL-Prora e.V. wiederum nicht angehört.

Dieser Werdegang ist kein Glanzstück des demokratischen Rechtsstaates. Jene die für das freiheitliche System eingetreten sind und heute bereit waren, ehrenamtlich das zu leisten, was Behörden und Institutionen versäumt haben, wurden durch die Verstrickung Landeszentrale für politische Bildung/Politisches Memoriale/Prora-Zentrum sowie auch vom Landesverband DJH-MV missachtet. Dreiviertel des einst größten Bausoldaten-Standortes der DDR sind inzwischen vollständig entsorgt, die vorherige Dokumentation der Räumlichkeiten (zu DDR-Zeiten streng verboten), wurde nicht gestattet. "Eingaben und Anfragen an Minister Tesch und an die Denkmalbehörden blieben bis heute unbeantwortet, Anträge einfach liegen", sagt Initiator und früherer Bausoldat Stefan Wolter.

Die Ausgrenzung geht trotz anders lautender öffentlicher Willensbekundung der Behörden und Institutionen weiter: Das Konzept des Prora-Zentrums sieht für Denk-MAL-Prora e.V. keinen eigenständigen Platz im Bildungszentrum vor. Ein seitens der Landeszentrale für politische Bildung als Zugeständnis gewerteter pädagogischer Fachbeirat beabsichtigt Prora-Zentrum mit einem Vertreter außerhalb des Denk-MAL-Prora e.V. zu besetzen. Bezüglich der letzten baulichen Merkmale im Bereich des künftigen Bildungszentrums verweisen einzelne Institutionen des Netzwerks abermals auf ihre angebliche Handlungsunfähigkeit mit Hinweis auf die anderen Entscheidungsträger. Dabei bündeln sich diese überwiegend in der Person der Landrätin.

Den mehrjährigen Kampf gegen das Verdrängen der realen DDR-Geschichte (nicht nur die der Bausoldaten), aufgrund einer Allianz von Unwissenheit und interessenbedingter Verdrängung hat Stefan Wolter in seinem Buch „Der Prinz und das Proradies. Vom Kampf gegen das Kollektive Verdrängen“ (2009) verarbeitet. Für den Vereinsgründer geht mit der Auflösung des Denk-MAL-Prora e.V. ein doppeltes Trauma zuende.

Der Geist der ehemaligen Bausoldaten lebt in einer Interessengemeinschaft weiter. Es bleibt ihr wichtigstes Ziel, in Prora an alle vergessenen und verdrängten Stationierungsorte der Waffenverweigerer dauerhaft zu erinnern und die Jugend thematisch u. a. über die unabhängige Friedensbewegung in der DDR zu bilden. Platz gibt es genug, es fehlt allein der politische Wille. Ohne die Maxime der meisten Bausoldaten, die absolute Gewaltlosigkeit, ist die friedliche Revolution nicht zu denken.

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