Dienstag, 11. August 2009

Ein Leben für eine Legende


Foto: ostSeh/Küstermann

Lohme
. (ostSeh) „Dass so ein großer Mann in so einen kleinen Ort kommt“, haucht eine Urlauberin fast ehrfürchtig im Haus Linde am Montag. Sie war schon früh erschienen und hatte sich nicht nur einen vorderen Platz, sondern auch das preiswerte Hardcover-Buch für den Preis eines Taschenbuchs geholt. Gespanntes Murmeln, während Veranstalter Torsten Rollin von der Touristik GmbH letzte Einstellungen am Licht vornimmt. Das Transparent des Aufbau-Verlags mit jugendlichem Foto leuchtet orange. Dann läuft der wirklich große Mann im Nadelstreifen-Anzug zu den Klängen der Puhdys auf sein Abbild zu. „Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt..“. In der Hand hält Winfried Glatzeder einen Beutel. Daraus holt er sein Buch, legt es ab und fängt stehend an zu deklamieren. „Das macht die Natur aus einem“, verweist er auf das Foto von 1971 an der Wand und auf sich selbst. Sein Kollege Friedrich Schönfelder am Theater Hamburg rate ihm immer ab, so alt zu werden. „Da bist du nur noch Ersatzteillager“, sage dieser immer mit seinen 93 Jahren. Doch Glatzeder will die Versicherung ärgern und braucht dazu noch Zeit. Kommendes Jahr wird er berentet.

Doch zuerst die Zeugung 1944 bei einem Fronturlaub. „Der Vater kam im selben Jahr durch die Russen in einem Eiskeller um“, beginnt Glatzeder locker zu plaudern und bemängelt die Zurückhaltung des norddeutschen Publikums. Vergangenes Jahr im Herbst neigte er beim Antritt seiner Lesereise in Sellin noch dazu, sich zu verzetteln. Jetzt kommen die Geschichten glatt und mit Pointe. Die Flucht mit den Großeltern im Leiterwagen nach Berlin, die Oma nach Shalimar duftend und das Silberbesteck in seinen versch.. Windeln versteckt. Wie Großvater Gustav Adolph Werner Bürgermeister von Lichtenberg und Friedrichshain wird, den Job aber wieder verliert, weil er nicht in die SED eintritt. Das alles begreift er. „Die Liebe zu meiner Mutter jedoch blieb mir ein Leben lang unbegreiflich.“ Diese war just mit seiner Geburt erst einmal fünf Jahre in verschiedenen Sanatorien verschwunden. Als sie nach Berlin kam, hatte er mit der Großmutter plötzlich zwei Mütter. „Der Bettnässer wurde bald zum Hypochonder“. Sagt er und schweift nun doch aus, dass Hypochonder den Vorteil haben, lieber mehr als zu wenig zum Arzt zu gehen und das sei bei älteren Männern wichtig. Und wirft ins Publikum: „Keine Sorge, ich komme gleich zu Paul und Paula.“ Das findet jedoch auch andere Episoden spannend und hatte (noch) nicht gemurrt.

Dann die Besetzungsgeschichte mit Angelika Domröse und ihm, der als neuer Typ das Glück hatte, nicht mehr das Arbeiterdenkmal früherer DEFA-Filme verkörpern zu müssen. Nur selten berichtet er aus seiner Westzeit. Wie da, wo ihm ein Regisseur erklärt, er könne nicht immer Rennpferde reiten sondern manchmal eben auch schnelle Schweine. Rennpferde, das waren Kunstwerke wie die Legende um Paul und Paula. Schnelle Schweine, nun, darüber lässt er sich heute nicht mehr sehr aus. Gemeint wohl die anderen Filme, eben Tagewerk. Für eine Legende nicht ausreichend.

Das Publikum war dennoch begeistert. Und stand dann fast vollzählig am Signiertisch. Jeweils mit einem frisch gekauften Buch. Die Autogrammkarte dazu Gratis wie die Widmung.

© 2009 ostSeh / ANDREAS KÜSTERMANN

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