Dienstag, 14. Juli 2009

Zu dritt in einem Boot

AKTUELL im BILD: REFUGIUM, das sind (v.L.) Stefanie DUNSE,Annette MOHR und Olaf DUNSE, mit ihrem Büro in Bergen auf Rügen ansässig....Hier hinter dem Bürogebäude von Winter und Partner wird der Jollenkreuzer wieder hergerichtet. DieJugendlichen wollen aus verständlichen gründen nicht auf einem Bilderscheinen. Vorläufig. Foto: ostSeh/Küstermann
Bergen. Refugium ist eine Gruppe dreier Therapeuten in Bergen, die neben heilpädagogischer Grundausbildung eine sogenannte Systemische (Familien - ) Therapie anbieten. Ihr vordergründiges Arbeitsfeld ist die Kinder - und Jugendhilfe, bei der sie Familien nicht nur räumlich aufsuchen und an deren Problemfeld abholen. Die aufsuchende Familientherapie (AFT) entstand vor wenigen Jahren als eine grundlegend neue konzeptionelle Idee von Jugendhilfe in Deutschland.

Nun aber suchen, um im Bild zu bleiben, drei Jugendliche seit kurzem Annette Mohr, Stefanie Dunse und Olaf Dunse an ihrem Standort in der Bergener Ringstraße auf. Der Grund: „Wir haben in Alt Schwerin über das Auktionshaus ebay einen alten Jollenkreuzer aufgetrieben, der wegen eines Mastbruches irgendwann im Garten einer Familie lag. Die Idee dazu, so erzählt Olaf Dunse, habe sich aus folgendem Dialog zwischen Staatsanwalt und jugendlichen Delinquenten entwickelt. Da antwortete kürzlich R.(18) im Jugendgericht auf die Frage des Staatsanwaltes, warum sie sowas (Randale, Diebstähle, Trunkenheit, Drogen...) machten., mit der Antwort: „Wollen Sie das wirklich wissen?“ „Klar“, so der Staatsanwalt, sonst würde ich Sie ja nicht fragen!“ „Weil uns langweilig ist,“ so die auch in anderen Verfahren zu hörende Antwort.

„Erzählt uns, was Ihr wollt, wozu Ihr Lust habt und nicht mehr, wozu ihr alles keine Lust habt“, hieß daraufhin die Hausaufgabe an die Jungs in Verbindung mit einer Arbeitsauflage. Nach einigem Hin und Her entstand aus den Ergebnissen zusammen mit den Betreuern der Arbeitstitel „das Boot“.

Aufsuchende Familientherapie sei also auch sinnbildlich zu sehen und wurde außergewöhnlich erfolgreich in sogenannten Multiproblemfamilien entwickelt, führt Dunse aus. Mit ihren hohen fachlichen Qulitätsstandards begleitet Dr. Marie-Luise Conen aus Berlin als eine der führenden Anwenderinnen Refugium dabei persönlich auch teilweise in der Praxis.

Der über 30 Jahre alte 15er Jollenkreuzer wurde nach dieser Vorgeschichte von der Berliner Familie Gröger für einen symbolischen Preis zur Verfügung gestellt. Grögers haben selbst drei Kinder und sind mit dem Boot 28 Jahre gesegelt. So machten sich Olaf Dunse mit Ph.(17) und R.(18) kürzlich bei brüllender Hitze an den 200 Kilometer entfernten Plauer See, um ihr Boot abzuholen, das sie künftig mit einem dritten Jugendlichen zusammen aufbauen wollen. Frank Winter vom Bootshandel Winter in Sagard stellte dafür nicht nur den Trailer sondern erklärte sich spontan bereit, das Projekt fachlich zu unterstützen. Und nun hat der Kreuzer seinen vorläufigen Liegeplatz hinter dem Kanzleigebäude von Winter und Partner und wird dort bearbeitet. „Und auch hier ist wichtig, dass das Ziel der Fertigstellung absehbar sein muss, das Boot bald wieder schwimmfähig zu haben. Wofür wir übrigens noch einen Mast benötigen, so einer irgendwo rumliegen sollte“, merkt Dunse an.

Therapeutische Ziele bei diesem Projekt seien das Gefühl, etwas zu leisten , etwas Wert zu sein. „Das soll in den Jungs wieder geweckt werden“, so Dunse. Aber auch das handwerkliche Arbeiten und Begreifen in Verbindung mit der Fähigkeit, Dinge wieder lernen zu können. „Und es ist ein sinnvolles Tun, aufzubauen, statt zu zerstören, selbst erleben statt erklärt bekommen“, ist Olaf Dunse sicher, das Richtige zu tun. „Ganz nebenbei wird im Idealfall dabei auch gelernt, neue Ziele wieder selbst zu definieren.

© 2009 ostSeh / ANDREAS KÜSTERMANN

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